Ladeinfrastruktur Deutschland: 90 % Leerlauf, 10 % Auslastung
- Silvia Josten

- 23. Sept. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Okt. 2025

e-Auto-Apokalypse? Fehlanzeige! Deutschlands Ladesäulen langweilen sich zu Tode
Schlechte Nachrichten für alle Dramaqueen unter den Elektroautos-Skeptikern: Die gefürchtete Ladechaos-Apokalypse lässt weiter auf sich warten. Öffentliche Ladestationen in Deutschland führen offenbar ein geradezu beschauliches Dasein – im Schnitt ganze 2,3 Stunden täglich "arbeiten" sie tatsächlich, was einer beeindruckenden Auslastung von 9,6 % entspricht. Anders gesagt: 90 % der Zeit stehen sie rum wie gelangweilte Parkuhren und warten sehnsüchtig darauf, dass mal jemand vorbeikommt.
Die Nationale Leitstelle für die Ladeinfrastruktur Deutschland hat zwischen Juli 2023 und Juni 2024 fleißig gezählt und dabei festgestellt, dass die Belegung sogar zurückgegangen ist. Tja, wenn die Anzahl der Ladesäulen in der Nähe schneller wächst als die Anzahl der Elektroautos ...

Unterschiede bei den Ladearten
Deutliche Unterschiede bei der Nutzung gibt es zwischen den Ladearten: Normalladestationen mit bis zu 22 Kilowatt wiesen die höchste Auslastung auf, gefolgt von Schnellladestationen mit besonders hoher Leistung (HPC). Am seltensten genutzt wurden Ladepunkte im mittleren Bereich zwischen 22 und 149 Kilowatt. Letztere verschwinden allerdings zunehmend aus dem Bestand der deutschen Ladeinfrastruktur und werden durch attraktivere, schnellere Ladesäulen ersetzt.
Tagesverläufe und Nutzungsmuster
Im Detail zeigt die Studie markante Nutzungsmuster. Nachts zwischen Mitternacht und 5 Uhr ist die Auslastung am geringsten, am Vormittag steigt sie deutlich an und erreicht mittags ihren Höchstwert. Gegen Abend nimmt die Belegung wieder ab. Den Spitzenwert im Beobachtungszeitraum verzeichnete ein Freitag in der Adventszeit (8. Dezember 2023), als knapp jeder fünfte Ladepunkt zeitgleich besetzt war.

Ladeinfrastruktur: regionale und saisonale Unterschiede
Auch regionale und saisonale Unterschiede spielen eine Rolle bei der Ladestation e-Auto-Nutzung. In ländlichen und städtischen Gebieten gleichen sich die Tagesverläufe weitgehend, in Metropolen geht die Auslastung auch in den Abendstunden gegen 19 und 20 Uhr noch einmal hoch. In touristisch geprägten Regionen wie Ostholstein steigt die Auslastung der Ladesäulen in der Nähe an Wochenenden und in den Ferien erheblich an, besonders deutlich war das am Osterwochenende 2024.
Marktverschiebung bei öffentlicher Ladeinfrastruktur: Mineralölkonzerne gewinnen Marktanteile
Die deutsche e-Mobilitäts-Landschaft erlebt eine bemerkenswerte Marktverschiebung: Laut der aktuellen EV Charging Services Study 2025 von USCALE gewinnen Ölgesellschaften deutlich an Boden in der öffentlichen Ladeinfrastruktur. Die groß angelegte Befragung von 2.210 Elektroautofahrern zeigt, dass Mineralölunternehmen ihren Marktanteil bei Ladediensten erheblich ausbauen konnten – hauptsächlich auf Kosten etablierter Charge-Point-Operatoren (CPOs) wie Tesla Supercharger und traditioneller Energieversorger.
Besonders interessant ist die Präferenz von e-Auto-Neueinsteigern: Sie wählen häufiger Ladeangebote der Ölgesellschaften, beispielsweise ARAL oder Shell, was auf deren starke Markenbekanntheit und das bereits etablierte Tankstellennetz zurückzuführen ist. Diese Entwicklung verdeutlicht, wie wichtig Markenvertrauen und physische Präsenz für den Erfolg in der öffentlichen Ladeinfrastruktur geworden sind.
Kundenbindung und Zufriedenheit bei öffentlichen Ladestationen: Herausforderungen trotz wachsender Bedeutung
Die öffentliche Ladeinfrastruktur gewinnt zunehmend an Bedeutung im Alltag der e-Auto-Fahrer, besonders in Großstädten steigt der Anteil des öffentlich geladenen Fahrstroms kontinuierlich. Dennoch offenbart die USCALE-Studie ein paradoxes Bild: Obwohl die Kundenbindung zunimmt und viele Fahrer den Wunsch nach einem einzigen Ladedienst für alle Situationen äußern, bleibt die Kundenzufriedenheit verhalten.
Mit einem Net Promotor Score von nur zwei Punkten zeigt sich deutliches Verbesserungspotenzial bei Ladeanbietern: Lediglich 36 % der befragten e-Auto-Fahrer würden ihren bevorzugten Anbieter weiterempfehlen, während 34 % dies ausdrücklich ablehnen. Bemerkenswert ist dabei der Wandel der Prioritäten: Trotz öffentlicher Kritik an hohen Ladepreisen legen aktuelle e-Auto-Fahrer verstärkt Wert auf Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit der Ladeinfrastruktur. Gleichzeitig ändert sich das Informationsverhalten – Vergleichsportale gewinnen an Relevanz, während soziale Medien als Informationsquelle an Bedeutung verlieren.
Ad-Hoc Laden: Bezahlen wird endlich einfach
Entscheidend für die Beliebtheit öffentlicher Ladestationen sind attraktive Preismodelle der Ladeanbieter. Hier hat sich inzwischen einiges getan. Einen wichtigen Beitrag zur gestiegenen Akzeptanz der öffentlichen Ladepunkte leistet die inzwischen verfügbare direkte Bezahlmethode beim Ad-Hoc Laden. Statt komplizierter App-Registrierungen oder Kundenkarten können Fahrer nun spontan per EC-Karte oder Kreditkarte an der Ladestation bezahlen – ein längst überfälliger Schritt in Richtung Normalität, der das Laden deutlich unkomplizierter macht.
Der Lade-Knigge: Wenn Höflichkeit zum Erfolgsrezept wird
Das Sahnehäubchen: Elektroautos-Fahrer verhalten sich "inzwischen mehrheitlich fair" und geben die Ladestationen nach dem Ladevorgang auch wieder frei. Wer hätte gedacht, dass grundlegende Höflichkeit zu den bemerkenswerten Eigenschaften einer Fahrzeugbesitzer-Gruppe wird? Immerhin hat manch einer schon selbst die Erfahrung gemacht: Falschparken an Ladeplätzen kann teuer werden.
Dennoch zeigen die vielen Gespräche der e-Auto-Fahrenden untereinander, dass rechtzeitiges Laden eigentlich immer möglich ist.
Also, liebe Skeptiker: Ihr müsst euch neue Horrorgeschichten einfallen lassen. Die große Lade-Apokalypse bleibt vorerst aus – Deutschlands Elektroautos und ihre Ladesäulen führen eine fast schon langweilig entspannte Beziehung. Die Ladeinfrastruktur Deutschland entwickelt sich stetig weiter, und für die meisten Fahrer sind Ladestationen problemlos verfügbar.

Der große Lade-Knigge: Benimm-Regeln für Elektroauto-Fahrer
Schnell laden, schnell weg
Sobald der Ladevorgang beendet ist, gibst du den Ladeplatz umgehend frei. Es müssen auch nicht immer 100 % sein, eine Ladung bis 80 % geht schneller und schont die Batterie. Eine vollgeladene e-Auto-Blockade ist wie ein leerer Einkaufswagen auf dem Parkplatz – unnötig und nervig.
Steht er, dann lädt er
Nutze Standzeiten deines Elektroautos, um den Akku mit neuer Power zu versorgen. Aber beachte: Wer seinen Wagen am Ladepunkt parkt, sollte auch wirklich laden. Ladeplätze sind keine normalen Parkplätze, auch nicht für andere (Elektro-) Autos ohne Ladebedarf.
Kabel ordentlich zurücklegen
Lass das Ladekabel nicht wie eine erschlagene Schlange auf dem Boden liegen. Andere Nutzer danken es dir. Auch die Kabel leben länger.
Nicht alle Plätze blockieren
An Ladeparks mit mehreren Säulen: Park so, dass andere Fahrzeuge problemlos an die benachbarten Ladepunkte gelangen können und wähle das richtige Kabel, das zu deinem Platz gehört.
Respektvoller Umgang
Beschädigte oder verschmutzte Ladestationen melden, statt sie zu ignorieren. Vandalismus und Müll haben an Ladestationen nichts verloren.
Geduld bei Wartezeiten
Falls doch mal Warteschlangen entstehen: Höflichkeit geht vor. Ein freundliches Gespräch verkürzt die Zeit und baut Brücken zwischen den e-Auto-Pionieren.
App-Chaos vermeiden
Informiere dich vorab über Bezahlmethoden. Mit der direkten Kartenzahlung wird das Leben einfacher, nutze diese Option, wo verfügbar.
Nutze Routenplaner
Routenplaner erleichtern dir die richtige Ladeplanung bei längeren Fahrten. Gut geplant ist halb geladen und der Kaffee kann in der Ladepause auch genossen werden.





