top of page

Ablenkung am Steuer: Warum ein Blick aufs Display das Kollisionsrisiko fast verdreifacht

vor 42 Minuten
6 Min. Lesezeit

Ein kurzer Blick aufs Smartphone, ein Tipp auf den Touchscreen – und schon fährst du für Sekunden blind. Eine neue Allianz-Studie zeigt erstmals, wie stark Ablenkung am Steuer das Kollisionsrisiko in kritischen Situationen erhöht – und dass sie bei mindestens jedem dritten Unfall eine Rolle spielt. Gerade im modernen e-Auto mit oftmals riesigem Bildschirm und immer mehr Pflicht-Warnungen, die um deine Aufmerksamkeit konkurrieren, wird dies zunehmend zu einem Problem.


Mann verzweifelt bei der Einstellung von Assistenzfunktionen im e-Auto

Neue Allianz-Studie: Ablenkung am Steuer ist riskanter als 0,8 Promille


Das Allianz Zentrum für Technik (AZT) hat die Ergebnisse gemeinsam mit dem Unternehmen cogniBIT am 21.10.2026 beim 14. Allianz Motor Day vorgestellt. Die Forschenden nutzten ein kognitives Modell – also ein Computermodell, das nachbildet, wie Menschen Verkehr wahrnehmen, Informationen verarbeiten und reagieren. Jede Situation wurde tausendfach simuliert, jeweils mit aufmerksamem Fahrer, mit abgelenktem Fahrer und mit simulierten 0,8 Promille.


Das Ergebnis ist deutlich: Bei einer Gefahrenbremsung des Vordermanns auf der Autobahn steigt der Anteil der Kollisionen durch Ablenkung von 18,2% auf 54,3%. Läuft plötzlich ein Kind auf die Straße, sind es 11,2% statt 3,9%. Damit steigt das Risiko nahezu auf das Dreifache. In allen vier simulierten Szenarien war Ablenkung sogar riskanter als 0,8 Promille.


Allianz-Studie: Ablenkung verdreifacht Kollisionsrisiko

Wichtig zur Einordnung: Die Werte stammen aus Simulationen, nicht aus realen Unfällen. Genau darin sieht die Allianz den Vorteil, denn nach einem Crash lässt sich kaum rekonstruieren, wie stark jemand abgelenkt war. Deshalb bleibt Ablenkung in der Unfallstatistik weitgehend unsichtbar. Die Allianz ging bisher von rund 10% der Unfälle aus – neue Analysen, darunter mehr als 34.000 ausgewertete Unfallfälle, weisen nun auf mehr als 30% hin. Ablenkung ist demnach bei mindestens jedem dritten Unfall Auslöser oder entscheidender mitwirkender Faktor. Amtlich erfasst waren 2023 erst mehr als 7.500 Unfälle mit Personenschaden mit Ablenkung als Ursache,, so der DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2026 – bei hoher Dunkelziffer. Allianz-Chef Frank Sommerfeld forderte, Ablenkung gesellschaftlich ebenso zu ächten wie Alkohol am Steuer.


Touchscreen im e-Auto: Das Cockpit konkurriert mit der Straße

Ablenkung kommt nicht nur vom Smartphone. Eine Fahrstudie des AZT unter realen Bedingungen zeigt: Identische Alltagsaufgaben führten bei aktuellen Fahrzeugmodellen zu teils deutlich unterschiedlichen Blickabwendungszeiten.


Allianz-Studie: Ablenkung durch Fahrzeugtechnik nimmt zu

Bei einzelnen Aufgaben ließen sich durch ein günstiger gestaltetes Bedienkonzept bis zu 25% beziehungsweise rund drei Sekunden einsparen – bei 130 km/h sind das etwa 100 Meter. Die Allianz betont: Nicht der Touchscreen selbst ist das Problem, sondern die Art, wie Funktionen in das Bedienkonzept integriert werden.


Allianz-Studie: Fahrer wünschen Schalter statt Touchscreen

Die Autofahrer sehen das ähnlich. In einer Allianz-Umfrage in neun Ländern (je 1.200 Befragte) gaben 77% der Deutschen an, dass Technik im Fahrzeug sie heute stärker ablenkt als früher, und 70% wünschen sich klassische Schalter und Tasten statt verschachtelter Menüs – in keinem anderen Land ist dieser Wert höher.


Allianz-Studie:  Kritische Situationen durch Touchscreen

Zudem hatten 39% der deutschen Befragten in den vergangenen drei Jahren mindestens eine kritische Situation durch den Touchscreen. Und 72% der Fahrer, die in dieser Zeit einen Unfall verursacht haben, halten Ablenkung für eine definitive oder mögliche Ursache.



Die Allianz fordert deshalb, dass sicherheitskritische Funktionen wie Scheibenwischer, Blinker, Licht, Warnblinker oder Scheibenentfrostung schnell und intuitiv erreichbar bleiben – per Schalter oder über ständig verfügbare Bereiche auf dem Bildschirm. Das europäische Crashtest-Programm Euro NCAP prämiert bereits Designs, die direkten Zugriff auf wichtige Funktionen bieten. Wie siehst du das: Tippst du gern, oder willst du den Drehregler zurück?


Assistenzsysteme im e-Auto: Kein Freifahrtschein


Viele aktuelle e-Autos bieten Autobahn- oder Stauassistenten. Fachleute nennen sie Level-2-Systeme: Sie übernehmen Gas, Bremse, Abstand und Spurhaltung, du musst aber jederzeit überwachen. Dass das nicht jeder weiß, zeigte bereits eine Allianz-Befragung von 1.202 Pkw-Fahrerinnen und -Fahrern aus dem Jahr 2022, veröffentlicht 2023:

  • 13% glauben, bei Level-2-Systemen dürften beide Hände dauerhaft vom Lenkrad.

  • 13% meinen, das Handyverbot entfalle dann.

  • Je 7% halten die Promillegrenze für nur bedingt gültig bzw. Kurzschlaf für möglich.

Allianz-Studie:  Falscher Glaube an die Technik

Das Muster taucht auch anderswo auf. Ein von der britischen Regierung beauftragter Evidenzreview (April 2026) stellt fest, dass Fahrer die Fähigkeiten von Level-2-Systemen überschätzen. US-Forschende des IIHS beobachteten 2024, dass Fahrer bei Teilautomatisierung häufiger nebenbei das Handy nutzen. Die Technik hilft – sie ersetzt aber keinen aufmerksamen Menschen.


Pflicht-Assistenten: Wenn die Warnung selbst zur Ablenkung wird


Seit dem 7. Juli 2024 muss jeder neu zugelassene Pkw einen intelligenten Geschwindigkeitsassistenten (ISA) an Bord haben. Er erkennt Tempolimits und warnt dich, sobald du sie überschreitest. Seit dem 7. Juli 2026 kommen laut ÖAMTC unter anderem ein kamerabasierter Ablenkungswarner und ein erweiterter Notbremsassistent hinzu. Die Absicht ist gut, die Praxis oft ein Ärgernis: ISA lässt sich immer nur für die jeweilige Fahrt abschalten und aktiviert sich bei jedem Motorstart von selbst wieder – so verlangt es die EU-Verordnung 2019/2144. Wer den Warnton nicht hören will, klickt sich also vor jeder Fahrt durchs Menü. Auch die Beachtung von Assistenz-Systemen führt zu einer Warnung: Wer den Blick hierfür auf den Touchscreen lenkt, löst einen sofortigen Hinweis des Ablenkungswarners aus. Und dass die Kamera häufiger auch Tempolimits auf der Parallelspur "sieht", hat wohl schon jeder erlebt - sofortiges Bremsmanöver inklusive.


Dazu kommen Fehlwarnungen. Bei diversen Tests fielen viele Systeme durch, vor allem wegen falsch gelesener Schilder und veralteter Kartendaten. Der ÖAMTC berichtet von Rückmeldungen über nervige Warnungen und unberechtigte Notbremsungen und fordert Warnungen, die Fahrer nicht stören, irritieren oder überfordern. In einer AXA-Studie aus der Schweiz (September 2026) räumen 60% ein, mit Assistenten weniger aufmerksam unterwegs zu sein, und einige fühlen sich von den Systemen selbst abgelenkt. Schon 2023 warnte die DEKRA, Assistenzsysteme dürften nicht überfordern oder ablenken.


Wir finden: Sicherheitstechnik, die man ständig wegklicken muss, verfehlt ihren Zweck. Belastbare Studien dazu, wie stark Pflicht-Warnungen selbst ablenken, fehlen uns bisher – umso wichtiger wäre es, genau das zu messen. Hersteller und Gesetzgeber sollten Warnungen sparsamer, präziser und einheitlich bedienbar machen. Auch die Allianz sieht sie neben den Fahrenden in der Pflicht.


Blindflug in Metern: Was ein Blick wirklich kostet

Bei 50 km/h legst du pro Sekunde 14 Meter zurück, bei 130 km/h sind es schon 36 Meter. Drei Sekunden auf der Autobahn bedeuten also rund 108 Meter Blindflug. Rechtlich gilt laut § 23 Abs. 1a StVO: Elektronische Geräte darfst du nicht in die Hand nehmen, und bei verbauten Geräten ist nur ein kurzer Blick erlaubt. Laut Allianz-Befragung glaubten allerdings 29%, der Blick dürfe so lange dauern, wie die Bedienung es erfordert.


Allianz-Studie: Fahrstrecke bei "Blindflug"

Seit 2017 gilt das Verbot für alle elektronischen Geräte zur Kommunikation, Information oder Organisation – es betrifft also nicht nur das Smartphone, sondern etwa auch Tablets, die du in die Hand nimmst. Erlaubt ist die Nutzung, wenn das Gerät in einer Halterung sitzt und du es ohne manuelle Bedienung verwendest, zum Beispiel per Sprachsteuerung. Zieleingaben tippst du am besten vor der Fahrt ein. Besonders unangenehm wird es für Fahranfänger: In der Probezeit gilt ein Handyverstoß zusätzlich zum Bußgeld und mindestens einem Punkt als sogenannter A-Verstoß, also als schwerwiegender Verstoß. Auch Wiederholungstäter sollten sich nichts vormachen: Wer mehrfach mit dem Handy erwischt wird, riskiert laut Experten des ADAC ein höheres Bußgeld oder sogar ein Fahrverbot wegen Beharrlichkeit. Kommt es durch das Handy sogar zu einem Unfall mit Sachschaden, sind es 200 €, zwei Punkte und ein Monat Fahrverbot – und wird jemand verletzt, wird es noch ernster.

Verstoß

Bußgeld

Punkte

Fahrverbot

Handynutzung am Steuer

100 €

1

–

mit Gefährdung

150 €

2

1 Monat

mit Sachbeschädigung

200 €

2

1 Monat

Nach Allianz-Angaben kannte nur 1 von 10 Befragten die richtige Bußgeldhöhe. Jetzt kennst du sie. Und was gilt auf dem Rad? Für e-Bike-Fahrerinnen und -Fahrer ist der Verstoß mit 55 € günstiger und bleibt ohne Punkte. Sicherer wird die Fahrt durch den Blick aufs Display aber natürlich nicht. Unser Rat für alle: Das Handy kommt vor dem Losfahren in die Halterung oder in die Tasche – und bleibt dort.


Mehr Technik, mehr Verantwortung: So bleibst du konzentriert


Die Studie macht klar: Der Blick aufs Display ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein echter Risikofaktor! Pflicht-Assistenten, die ständig piepen und neu abgeschaltet werden müssen, können das Problem sogar verschärfen, statt zu reduzieren. Unser Tipp: Stell Navigation, Musik und nervige Warnungen im Stand ein, nie während der Fahrt, nutze Sprachsteuerung und lass dir Assistenzsysteme beim Kauf in Ruhe erklären. Genau dafür ist die Probefahrt da – über die kostenlose Probefahrtvermittlung bei voylt findest du ein e-Auto zum Ausprobieren, in der Fahrzeugsuche vergleichst du Modelle samt Ausstattung, und im voylt e-Wiki erklären wir Begriffe wie Level-2-Assistent oder Spurhalteassistent.


Wie gut kennst du die Grenzen des Assistenten in deinem Auto? Schreib uns, was du denkst!


Recherche KI-unterstützt | Quellen: Allianz, AXA, DEKRA, ADAC, ÖAMTC, IIHS, NatCen GB Bild und Grafiken KI-generiert

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page