Ferrari Luce: Maranellos erstes Elektroauto – ein Blitz aus heiterem Himmel
- Johannes Haas
- vor 2 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Enthüllt am 25. Mai 2026 in Rom. 48 Stunden alt. Schon jetzt das meistdiskutierte E-Auto des Jahres.

Der Ferrari Luce ist da – und er macht genau das, was man von Ferrari erwartet: Er polarisiert, er provoziert, er lässt niemanden kalt. Mit dem Luce (Italienisch für ‚Licht‘) wagt Maranello den wohl mutigsten Schritt seiner 78-jährigen Geschichte: das erste vollständig elektrisch angetriebene Serienfahrzeug der Marke. So haben wir uns das nicht vorgestellt. Und das meinen wir als echtes Kompliment.
Das Design: Shooting Brake trifft Apple Store
Hier wird es wirklich interessant. Das Exterieur-Design entstand in enger Zusammenarbeit zwischen dem Ferrari Design Studio unter Flavio Manzoni und dem Kreativstudio LoveFrom – gegründet von Ex-Apple-Chefdesigner Sir Jony Ive und Marc Newson. Newson ist übrigens kein Unbekannter in der Automobilwelt: Er gestaltete bereits 1999 den Ford 021C Concept für die Tokyo Motor Show.
Das Ergebnis ist radikal anders. Der Luce hat ein Cab-forward-Profil, eine Fließheck-artige Heckpartie, feine Lichtgrafiken und glätte Oberflächen, die eher an ein High-End-Konzeptfahrzeug erinnern als an einen klassischen Ferrari. Manche sagen: futuristisch. Andere sagen: das sieht aus wie eine überteuerte Computermaus. Beides ist verständlich.
Der Luce ist über fünf Meter lang, knapp zwei Meter breit und nur 1,54 Meter hoch – für Ferrari-Verhältnisse also ein echtes Schiff. Das Gewicht von 2.260 Kilogramm ist bei einem elektrischen Fünfsitzer dieser Klasse aber nachvollziehbar. Wer ohne das Prancing-Horse-Logo am Heck vorüberschländern würde, dürfte einige Sekunden zum Wiedererkennen brauchen – was genau der Punkt ist, über den sich die Welt gerade streitet.
Das Interieur: iPhone-Feeling im Cockpit
Das Interieur trägt Jony Ives Handschrift auf den ersten Blick: klare Linien, edle Materialien, ein reduzierter Minimalismus, der trotzdem warm wirkt. Viele Beobachter loben die Kabine als erfrischend anders gegenüber den sonst üblichen minimalistischen EV-Interieurs – und tatsächlich setzt Ferrari hier auf physische Bedienelemente statt auf einen riesigen Touchscreen. Der Ferrari-Fahrer soll fahren, nicht wischen.
Außerdem sitzt der Fahrer weiter vorne und näher an der Vorderachse als bei vergleichbaren Fahrzeugen erwartet. Das soll für ein gesteigertes Kontrollerlebnis sorgen, trotz der beeindruckenden Fahrzeuggröße. Ein simuliertes Schaltgetriebe und das bereits erwähnte authentische Klangsystem sollen zusätzlich das emotionale Ferrari-Erlebnis ins elektrische Zeitalter übertragen.
Die Technik: 1.050 PS auf 880-Volt-Niveau
Vier Permanentmagnet-Elektromotoren treiben je ein Rad an. Die Systemleistung beträgt 772 kW (rd. 1.050 PS), das maximale Drehmoment liegt bei 990 Nm. Von null auf 100 km/h geht es in 2,5 Sekunden. Damit ist der Luce nicht das schnellste Ferrari-Modell – aber ein fünfsitziger Familien-Ferrari, der mit Sportwagen mithalten kann, ist eben kein Hypercar.
Was wirklich beeindruckt, ist die Plattform darunter: Ferrari entwickelte eigens eine 880-Volt-Architektur für den Luce – noch über dem heute üblichen 800-Volt-Standard. Der 122-kWh-Akku (NMC-Chemie, geliefert von SK On aus Südkorea) ermöglicht eine Reichweite von rund 531 km nach WLTP und wird mit bis zu 350 kW Gleichstrom geladen. Die vorderen Motoren drehen bis zu 30.000 Umdrehungen pro Minute und erreichen ihre volle Leistung in unter einer Sekunde.
Besonders bemerkenswert für Mobilitäts-Enthusiasten: Karosserie und Rahmen bestehen zu 75 Prozent aus recyceltem Aluminium, was den CO₂-Fußabdruck der Produktion deutlich reduziert. Hinzu kommt ein separat elastisch gelagerter Hilfsrahmen – ein Novum bei Ferrari – der Fahrgeräusche und Vibrationen dämpft. Und der Sound? Ferrari wäre nicht Ferrari ohne Emotion. Ein eigens entwickeltes Soundsystem verstärkt die tatsächlichen Schwingungen der Motoren zu einem unverwechselbar elektrischen Ferrari-Klang – ganz ohne künstliche Motorgeräusche. Wie eine elektrische Gitarre, soll es sich anfühlen.
Die technischen Daten im Überblick
• Antrieb: 4 Permanentmagnet-Synchronmotoren (je Rad einer), Allradantrieb
• Systemleistung: 772 kW (ca. 1.050 PS nach Ferrari-Angabe)
• Max. Drehmoment: 990 Nm
• 0–100 km/h: 2,5 Sekunden
• Höchstgeschwindigkeit: 310 km/h
• Batterie: 122 kWh NMC (SK On, Korea)
• Reichweite: ca. 531 km (WLTP)
• Ladeleistung DC: bis zu 350 kW
• Plattform: 880-Volt-Architektur (Ferrari-Eigenentwicklung)
• Karosserie: 5-Türer, 5 Sitzer (Shooting Brake / Limousine)
• Länge: über 5.000 mm | Breite: ca. 2.000 mm | Höhe: 1.540 mm
• Radstand: 2.959 mm
• Leergewicht: ca. 2.260 kg
• Preis: ab 550.000 Euro inkl. MwSt.
• Limitierung: 1.500 Fahrzeuge
Preis & Verfügbarkeit
Der Einstiegspreis liegt bei 550.000 Euro inklusive Mehrwertsteuer – noch ohne Individualisierung über Ferraris Tailor-Made-Programm, das den Preis erfahrungsgemäß deutlich nach oben treiben kann. Auslieferungen im DACH-Raum sollen im vierten Quartal 2026 beginnen, Bestellungen werden seit dem 25. Mai angenommen.
Die Stückzahl ist auf 1.500 Fahrzeuge limitiert. Anders als bei vielen anderen Ferrari-Exklusivmodellen, die oft bereits vor der offiziellen Präsentation ausverkauft waren, ist der Luce zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung noch bestellbar. Das sagt möglicherweise mehr über die Design-Diskussion aus als jede Meinungsumfrage.
Was das Netz dazu sagt – und warum die Ferrari-Aktie 6 % verloren hat
Die Reaktionen im Netz reichen von echter Begeisterung bis zu offener Feindseligkeit. Viele Nutzer verglichen das Design mit einer Computermaus, andere lobten Ferrari ausdrücklich für den Mut, keinen generischen Crossover zu bauen. Auf X (ehemals Twitter) kursierten innerhalb weniger Stunden Dutzende Memes, die den Luce mit günstigeren Massenmarkt-Elektroautos verglichen – optisch wie technisch.
Die Zusammenarbeit mit LoveFrom wurde zum eigenen Diskussionsthema: Ein Teil der Community sieht darin einen frischen, mutigen Ansatz. Ein anderer Teil sieht den Apple-inspirierten Designansatz als Ursache für ein Auto, das schlicht nicht wie ein Ferrari aussieht. Ein vielzitierter Tweet fasste die schärfste Kritik zusammen: „Hard to believe Ferrari would unveil such a failure. They have done irreparable damage to the brand.“ Andere wiederum: „This is exactly what an electric Ferrari should look like.“
Die Ferrari-Aktie fiel am Tag nach der Enthüllung um 6,27 Prozent auf 290,55 Euro in Mailand und vernichtete damit rund 3 Milliarden Euro Marktkapitalisierung. Das eigentliche Problem laut Branchenbeobachtern: Die gesamte globale Medienberichterstattung dreht sich darum, ob das Auto „wie ein Ferrari aussieht“ – anstatt über die beeindruckenden technischen Daten zu sprechen. Das ist ein PR-Eigentor, das Ferrari sich selbst geschossen hat – und das die Marke mit dem baldigen Beginn der Auslieferungen und echten Fahrberichten möglicherweise schnell korrigieren kann.
Stärken & Schwächen im Überblick
Das spricht für den Ferrari Luce:
• Einzigartige 880-Volt-Plattform, vollständig in Maranello entwickelt
• 1.050 PS mit echtem Allrad-Torque-Vectoring
• 530 km WLTP-Reichweite und 350-kW-Laden – Spitzenwerte in der Klasse
• Authentischer Klang ohne künstliche Simulation
• Physische Bedienelemente – kein Touchscreen-Einheitsbrei
• 75 % recyceltes Aluminium in der Karosserie – nachhaltig gedacht
• Simuliertes Schaltgetriebe für emotionales Fahrerlebnis
Das spricht gegen den Ferrari Luce:
• 2.260 kg Leergewicht – für viele kein klassisches Ferrari-Fahrgefühl
• Design stark polarisierend, die Community radikal - aber ein echter Hingucker
• 550.000 Euro Einstiegspreis – selbst für Ferrari-Verhältnisse sehr ambitioniert
• Noch nicht ausverkauft – ungewöhnlich für ein limitiertes Ferrari-Modell
• Designverantwortung bei einer externen Agentur – polarisiert auch intern
Unser Fazit
Der Ferrari Luce ist kein Auto für klassische Ferrari-Fans. Er ist ein Auto für Menschen, die Ferrari neu definieren wollen. Ob das gelingt, wird die Zeit zeigen – und vor allem die 1.500 Käufer, die sich tatsächlich für ihn entscheiden. Technisch liefert Maranello ein echtes Argument: Die 880-Volt-Plattform, das Torque-Vectoring per Radmotor und die 530 km Reichweite sind keine Marketing-Zahlen, sondern echter Ingenieursfortschritt.
Was bleibt, ist die Frage, die Ferrari selbst aufgeworfen hat: Was ist ein Ferrari – eine Karosserie oder ein Fahrgefühl? Wenn Letzteres stimmt, könnte der Luce der mutigste Ferrari seit Jahrzehnten sein. Eines ist sicher: Langweilig wird Elektromobilität mit Maranello nie.
Was denkst du? Ist der Luce das mutigste e-Auto des Jahres – oder ein Designfehler auf vier Rädern? Schreib es uns in die Kommentare!
Bilder: Ferrari






















